Mensch Roboter Interaktion
Eine sprachwissenschaftliche Perspektive
Von Elke Zeller / UNI Kassel
Textauszüge/ Original
http://www.upress.uni-kassel.de/online/frei/978-3-89958-130-0.volltext.frei.pdf
Weizenbaum contra Colby "Modeling a Paranoid Mind"
Wer spricht da ?
Characters of robots in social environment
Die level-one therapiy ruft in einem Gebiet, das unter anderem stark durch moralische und ethische Fragestellungen geprägt wird, kontroverse Einstellungen hervor. Weizenbaum, der mit ELIZA das erste Programm dieser Art entwickelte, sah es als moralisch nicht vertretbar an, den Menschen durch einen Computer (Computerprogramm) zu ersetzen wenn es sich um zwischenmenschliche Attribute wie Respekt, Verständnis und Liebe handelte.
Die Gewichtigkeit des Computerprogramms als Werkzeug der level-one therapy in der Psychotherapy hat dagegen Colby bereits 1964 erkannt:
lt seems to mc that conventional research methods for studying the problem of social influence, whether in psychotherapeutic or other contexts, arc beginning to bog down. Methods and models have failed to come to grips with the chief complaint of investigators in the behavioral sciences, namely an inability to deal with elusive symholic complexity. 1... 1 If we view a person as a large, complex, idiosyncratic, subtle, sensitive, dynarnic, evolutionary, holistic, versatile symbolprocessing system, why not use a system with similar properties such as a computer to represent him in these respects. (Colby, 1964, Seite227)
In der heutigen Psychotherapie steht die level-one therapy vor keinen unüberwindbaren moralischen Hindernissen, sofern die Klientin sich dessen bewusst ist, dass es sich lediglich um ein Computerprogramm handelt. Tatsächlich wird der Einsatz von Computerprogrammen auch mit der Bibliotherapie verglichen, in welcher die Klientin (unter anderem) durch das Medium Text behandelt wird. Doch besteht in der Bibliotherapie die Gefahr, dass die Klientin sich beispielsweise mit einem biographischen Text identifiziert und durch das Lesen und die Reflektion für sich einen therapeutischen Effekt erzielt, im Anschluss jedoch erfährt, dass es sich um einen rein fiktiven Text handelte.
Vorreiterinnen, erste Programme
Die Ära der computerbasierten Konversationssysteme begann 1966 mit Joseph Weizenbaums Computerprogramm ELJZA, welches heute noch als Meilenstein Künstlicher Intelligenz (KI)gilt und damals vor allem als ernst zu nehmendes Programm diskutiert wurde, das den so genannten „Turing-Test“ bestehen kann. Das textbasierte Programm imitiert eine Therapeutin nach Rogers (klientinnenzentrierter Ansatz) und wiederholt u. a. die Worte der Therapie-Nutzerinnen in Form von Fragen. Weizenbaum entwickelte ELIZA am MIT, wobei sich der Name auf den Protagonisten aus George Bernard Shaws Stück “Pygmalion“ bezieht.
Der Psychologiestudent Joseph Weintraub adaptierte Weizenbaums ELIZA und nahm 1991 mit PC-Therapist III erfolgreich am Loehner-Preis-Weftbewerb teil, welcher das Programm auszeichnet, das den Turing-Test bestehen kann. Anders als Weizenbaum, der durch ELIZA den gegenwärtigen Stand der Möglichkeiten von Computern und Programmen zeigen wollte, geht ein weiterer Entwickler, Kenneth Colby, vom therapeutischen Wert der PC-Therapie Programme aus.
Hierzu entwickelte er SHRINK (1966) und später DEPRESSION (1992).
Beide Programme nutzen den Ansatz des rekursiven Erzählens, intendieren also wie ELIZA die Klientin durch rekursive Dialoge dazu zu bringen, in einen Dialog einzutreten (bzw. ihre Probleme zu schildern).
Das Computerprogramm PARRY (ebenfalls von Colby) dagegen stellt insofern einen weiteren Schritt im Bereich der maschinellen Konversationssysteme dar, als Colby durch einen Rollenwechsel das Programm von einer passiven Zuhörerin in eine paranoide Klientin wandelt. Das Programm wurde aufgrund seines Erfolgs auch für die Ausbildung von Psychologinnen übernommen. Sein Fortschritt gegenüber ELIZA liegt unter anderem darin, dass es nicht nur das Gesagte reflektieren konnte sondern auch selbst etwas beizutragen hatte, also die Initiative ergreifen konnte.
PARRY wurde unter anderem mit grundlegenden Einstellungen (helitfs) programmiert, wie a) ich hin dumm; h) ich hin verrückt; c) ich hin unehrlich; d) ich hin wertlos und konnte so autonom bestimmte Gefühle simulieren, wie Angst, Aggression oder Beschämung. Zur Verdeutlichung von PARRYs Dialogkompetenz wird an dieser Stelle ein Auszug aus einem Transkript eines Interviews zwischen PARRY und einer Psychiaterin wiedergegeben (zitiert in Hutchens,
1997):
01 - HUMAN: aftenoon. My name is Doctor Jenes
02 - PARRY: 1 thought you might have sorne problems.
03 - HUMAN: Pleased meet you.
04 - PARRY: How are you?
05 - HUMAN: All right 1 guess
06 - PARRY: Could you teil me your name?
07 - HUMAN: Pat Srnith
08 - PARRY: Pat Srnith
09 - HUMAN: How eid are you?
10 - PARRY: I‘ve been upset lately
11 - HUMAN: By what?
12 - PARRY: People get on my nerves somnetimes
13 - HUMAN: Teil mne more.
14 - PARRY: Dc you know anything about bookies
15 - HUMAN: No. What about bookies?
16 - PARRY: A bookie didn‘t pay mne off once
17 - HUMAN: When did this happen?
18 - PARRY: A couple of mnonths ago
An diesem Auszug ist ersichtlich, dass anhand der spezifischen Algorithmen das Computerprogramm in der Lage zu sein scheint, auf reguläre Fragen antworten zu können (Zeilen 2-10), die von einer Psychiaterin zu erwarten sind. Hinzu kommt die Fähigkeit, selbstständig Themen aufzubringen (Zeilen 10-18).
Wie oben bereits angedeutet, geht Colby auch in späteren Veröffentlichungen davon aus, dass Computermodelle (algorithmische Modelle) der angeblichen
Vereinfachung von herkömmlichen Modellen und Methodologien aus den behav Goojoral sciences entgegen wirken und damit ein wichtiges Hilfsmittel in der Psychotherapie darstellen:
An algorithmic model‘s explanatory power is related more to its generative power than to its predictive power. Such an explanation unifies observable input/output patterns hy hypothesizing an internal structure of effective computational patterns connecting themselves and the input/output patterns into a comprehensive and organized whole. 1. . 1 Thus we can understand an entity not just through a list of its local properties hut hy identifying it as a specific part of an organized whole, consisting of patterned relations and structures. (Colbys 1981a, Seite 516)
In Bezug auf Colbys Ansatz sollen nicht die Details des Computerprogramms erläutert werden, sondern die von den Programmentwicklerinnen festgestellten linguistischen Paradigmen. Für die Entwicklung von PARRY 2 und 3 wurden folgende Hauptparameter natürlicher Sprache in Bezug auf Dialoge festgelegt:
Natürlichsprachliche Dialoge bestehen nicht aus so genannten Künstliche lntelligenz -Sätzen, welche aus kurzen Frequenzen hochgradiger Ambiguität bestehen (z. B. time flies like an arrow).
Natürlichsprachliche Dialoge sind zielgerichtete, zweckmäßige Dialoge basierend auf Kooperation. Die Dialoge sind hauptsächlich klar, eindeutig und von referenzieller Kontinuität.
Die Hauptprobleme liegen in ungrammatischen Sätzen, fragmentarischen Ellipsen, Idiomen, anaphorischen Referenzen, Metareferenzen und Flüchtigkeitsfehlern (sofern es sich um texthasierte Programme handelt).
Auch wenn Dialoge zwischen Therapeutin und an Paranoia leidenden Menschen oft inkohärent und unlogisch erscheinen, folgen sie doch nachweislich einem bestimmten Grundmuster. Das heißt, dass willkürliche Dialoge nicht überzeugend wirken. Diese Auflistung von Parametern deckt sich weitgehend mit den in der KI- Forschung und Computerlinguistik grundlegenden Problemfällen bzw. Herausforderungen in der Entwicklung synthetischer Dialogkompetenz. In diesem Sinne ist Carhonells Kritik am KI-Ansatz PARRYs zu nennen:
“Does the simulation system have generative power? That is, does it produce appropriate behavior directly responsive to the input over a much wider range of situations than the input set considered hy the system designer?“ (Carhonell, 1981, Seite 536).
Damit kommt der Aspekt des Einflusses oder der Rolle der System-Designerin bzw. Programmiererin zum Tragen.
Mit freundlichem Gruß
Karlheinz Croissant
Deutsches Forum