Rhein – Neckar – Zeitung vom 24.05.08
Aus der Seele gesprochen
DENK-MAL __
Moralisch
Von Heide Seele
Neulich mal wieder Hemingway gelesen. Dabei bin ich auf eine Definition gestoßen, bei der mir in jungen Jahren, als ich mich mit dem literarischen Werk des amerikanischen Autors eingehend beschäftigte, nichts sonderlich aufgefallen ist. Der von manchen einseitig als Kraftprotz und „Macho“ eingestufte Schriftsteller sagte, moralisch sei das, wonach man sich gut fühlt.
Dies eine reichlich naive Auffassung. Geht seine Begriffsbestimmung doch von einem integren Charakter aus. Es soll aber Mitmenschen geben, die sich alles andere als ethisch vorbildlich verhalten,‘ die korrupt und verlogen sind, andere betrügen und nach Strich und Faden ausnützen, an die Wand drücken, gnadenlos mobben — und sich dabei glänzend fühlen.
Diese Zeitgenossen können sich ohne Scham im Spiegel betrachten und haben kein Unrechtsbewusstsein. Wo ein Normalmensch Gewissen und Ehre hat, gähnt bei ihnen ein tiefes Loch. Das Sensorium zur Unterscheidung zwischen richtig und falsch, anständig und unanständig blieb bei ihnen unterentwickelt. Ernest Hemingway darf man noch postum um seine Arglosigkeit beneiden.
Mit freundlichem Gruß
Karlheinz Croissant
Deutsches Forum